Februar 2020 – Parkinson und Schmerz

Effektives Behandlungskonzept erfordert interdisziplinäre Zusammenarbeit

Langsam, mit kleinen Schritten und vorgeneigtem Oberkörper, betritt der Patient den Physiotherapieraum. Das Gesicht wirkt ausdruckslos, die Hände zittern. Nur mit Mühe kann er den Arm anheben, um seinen Therapeuten zu begrüßen. Hypokinese, Rigidität und Ruhetremor sind die typischen Kardinalsymptome des Morbus Parkinson.

Weltweit leiden derzeit rund 5 Millionen Menschen an der sogenannten Schüttellähmung. Allein in Deutschland sind es 280.000. Die Ursache ist unbekannt. Erwiesen ist jedoch, dass die motorischen Defizite Zeichen eines erheblichen Dopaminmangels sind. Dieser Neurotransmitter ist ausschlaggebend für die Bewegungssteuerung. Haben rund 60 % der dopaminproduzierenden Nervenzellen im Mittelhirn ihre Funktion verloren, kommt es zu ersten motorischen Symptomen.

Häufig sind jedoch nicht die motorischen Defizite der primäre Grund für einen Besuch beim Physiotherapeuten, sondern Schmerzen in Armen und Schulter, Rücken oder Beinen. Eine Studie aus dem Jahr 2017 bestätigt diese Erfahrung aus der Praxis. 95 % der Befragten berichteten von wiederkehrenden Schmerzen. 61 % der Parkinsonpatienten gaben an, seit über 6 Monaten und somit chronisch an Schmerzen zu leiden.

Die Erfassung der Schmerzen bei Patienten mit Morbus Parkinson sei allerdings schwierig, so der Neurologe Prof. Wolfgang Jost von der Parkinson-Klinik Ortenau anlässlich des diesjährigen Neurologenkongresses in Stuttgart. Viele Patienten würden ihre Schmerzen nicht in Verbindung mit der ursächlichen Krankheit bringen und daher den direkten Weg zum Orthopäden suchen. Zudem konzentriere man sich auch in der Neurologie zu sehr auf die motorischen Symptome. Außerdem, so Jost, sei derzeit noch keine geeignete Schmerzskala für Parkinsonpatienten verfügbar. Verwendet würde heutzutage überwiegend die KPPS (King‘s Parkinson‘s Disease Pain Scale). Diese sei jedoch nicht optimal geeignet, da die Fragen unspezifisch seien und unterschiedliche Kategorien sich überschnitten.

Um betroffene Patienten individueller untersuchen und behandeln zu können, geht die Asklepios Klinik Nord mit ihren Standorten in Hamburg und Schleswig-Holstein seit Mitte letzten Jahres mit gutem Beispiel voran. Chefarzt Prof. Dr. Günter Seidel und sein Team haben ein neues Konzept für Parkinson-Patienten mit chronischen Schmerzen entwickelt und vorgestellt. Im Mittelpunkt steht die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Schmerztherapeuten, Ärzten, Physio- und Ergotherapeuten. Diese Fachkräfte stellen ein individuelles, multimodales Therapiekonzept auf, welches den Patienten entweder tagesklinisch oder stationär begleiten kann.

Die enge, interdisziplinäre Zusammenarbeit muss, insbesondere bei einem solch komplexen Krankheitsbild wie dem Morbus Parkinson, auch im physiotherapeutischen Alltag an Relevanz gewinnen. Die Diagnose des Orthopäden „Schulter-Arm-Syndrom“ ist bei weitem nicht genug, um den Patienten, der mit kleinen Schritten und zittrigen Händen den Behandlungsraum betritt, physiotherapeutisch adäquat zu betreuen. Bleibt zu hoffen, dass sich interdisziplinäre Behandlungskonzepte in Zukunft nicht nur in Spezialkliniken durchsetzen, sondern auch ihren Weg in die umgebungsnahe Betreuung der Patienten finden.

Franziska Stelljes / physio.de

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