März 2018 – Kreuzbandriss

Die Olympischen Spiele 2018 in Südkorea brachten dem Deutschen Skiverband schon im Vorfeld ein Hauptthema: Kreuzbandrisse. Allein sechs Skispitzensportler hat das 3,5 cm lange Gewebestück einen Strich durch die Rechnung gemacht, darunter Skirennläufer Felix Neureuther, Skispringer Severin Freund und die Skicrosserin Heidi Zarcher. Hauptsaison für Chirurgen und Physiotherapeuten.
Die Fachärzte Dr. Christian Fink, Dr. Mirco Herbort und Dr. Christian Hoser haben in der Sportärztezeitung die Entwicklung der letzten Jahrzehnte hinsichtlich der chirurgischen Behandlung beschrieben und die neuesten Erkenntnisse veröffentlicht. Dabei stellten sie fest, dass allein in der größten medizinischen Datenbank PUBMED (www.ncbu.nlm.nih.gov/pubmed) 15.000 Literaturangaben zum Thema zu finden waren und 2500 Studien zum Kreuzbandriss in den vergangenen zwei Jahren durchgeführt wurden. Dies weist auf die Häufigkeit der Verletzung und auf Verbesserungsbedarf der Behandlung hin.

Seit 1980 entwickelten sich die chirurgischen Kreuzbandrekonstruktionen. Damals galt vor allem als Goldstandard der Bandersatz durch einen Teil der Patellarsehne. Eine häufige Komplikation dabei war das Patellaspitzensyndrom, das sich oft nach der Entnahme entwickelte. Daraufhin verwendeten die Operateure in den 90ern vor allem Teile aus den Semitendinosus- und Gracilissehnen.

Grabenkämpfe um das beste Transplantat entstanden und auch Versuche aus dem Materialfundus des Körpers und der Industrie andere Möglichkeiten zu schöpfen. Dabei versagten Kunstbänder, während die Quadricepssehne eine gute Alternative bot. Die letzten 15 Jahre entwickelten sich vor allem die Operationstechniken weiter. Einen Goldstandard gibt es nicht mehr, eher ist die Vorgehensweise von den individuellen Bedürfnissen des Patienten geprägt.
So entscheiden heute Sportarten und Beruf, aber auch körperliche Gegebenheiten (z.B. Größe des Knies, Länge der Extremitäten) und Zusatzverletzungen über die Verfahren bei der Operation, die „à la Carte“-Chirurgie. Für die Beratung und Nachbehandlung durch den Physiotherapeuten sind diese Fakten entscheidend. Bei Sportarten wie dem Sportklettern, die eine hohe Beugebelastung der Kniemuskulatur abverlangen, sollte nicht auf Semitendinosus- oder Gracilissehne zurückgegriffen werden.

Judo und Ringen wiederum benötigen eine starke Kniestreckung. Ein Patellasehnenimplantat scheint hier nicht ideal. Auch relevant für die Physiotherapie sind die Erkenntnisse aus der Anatomie, dass der Semitendinosus- und der Gracilis-Muskel entscheidend für die mediale Stabilisierung im Kniegelenk sind, dies vor allem bei der Extension. Wenn bereits eine mediale Instabilität des medialen Kollateralbandkomplexes besteht, sollte von diesen Muskeln kein Transplantat genommen werden. Studien zeigen ansonsten keinen qualitativen Unterschied zwischen den Transplantaten, aber in ihren Eigenheiten. Semitendinosus und Gracilis zeigen eine geringere Entnahmeproblematik, sind aber „laxer“ und haben eine höhere Rerupturrate als die Patallarsehne.

Die Sportärzte fassen zusammen, dass die Chirurgietechniken bei der Kreuzbandoperation deutlich vielgestaltiger geworden sind. Sie stellen fest, dass die beste Chirurgie die nachfolgende Physiotherapie nicht ersetzen kann und dass unterschiedliche Transplantate eine jeweils andere Feinabstimmung in der Rehabilitation benötigen. Das wiederum setzt die Kommunikation mit dem Therapeuten voraus, die immens wichtig ist.

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