März 2019 – Interview mit Logopädin Sarah Strahl

Telefoninterview mit Sarah Strahl – Logopädin aus dem Ostseebad Kühlungsborn

06.03.2019

Eine der Brandbriefschreiberinnen an Heiko Schneider letzten Sommer war die Logopädin Sarah Strahl. Später wurde ihr bemerkenswert persönlicher Brandbriefnoch einmal explizit im Internet veröffentlicht und erreichte ein großes mediales Echo: Hunderte kommentierten und Tausende teilten den Beitrag. physio.de sprach mit ihr über das Echo auf den Brief, ihr sonstiges berufspolitisches Engagement und ihre Zukunftswünsche.

physio.de: Frau Strahl, wie kam es zu der Idee, einen Brandbrief an Heiko Schneider zu schreiben?
Sarah Strahl: Mit dem Gedanken, einen aufrüttelnden Brief an das Bundesgesundheitsministerium zu schreiben, trug ich mich schon lange. Viele Gespräche am heimischen Küchentisch mit meinem Freund drehten sich darum. Letztendlich siegte aber immer das Argument ‚Den liest dort ja eh keiner’.
Als ich dann von Heikos Aktion erfuhr, keimte Hoffnung: ‚Einen Brief ignorieren sie im Ministerium wahrscheinlich, aber wenn da tausenden eintreffen…. Was dann?’ Ich wollte, dass Heikos Aktion ein Erfolg wird.

Dem interessierten Beobachter fiel auf, dass Sie es damit nicht bewenden ließen. Wo und wie sind Sie noch aktiv geworden?
Ende Juli 2018 drehte auf Initiative meines Freundes hin (dem ich hier ausdrücklich noch einmal für all seine Unterstützung danken möchte) der Norddeutsche Rundfunk eine Fernsehreportage über die desolate Situation der Heilmittelerbringer. Dort war ich eine der Protagonistinnen.

Ende August 2018 kam es zusammen mit Rene Portwich vom VDB-Physiotherapieverband bei einer großen CDU-Veranstaltung zu einem öffentlichen Treffen mit Jens Spahn. Vor den Augen und Ohren all der Politiker und Krankenkassenvertreter ging ein Raunen durch den Saal als wir über Schulgeld und fehlerhaft ausgestellte Rezepte sprachen. Hier konnten wir dem Minister sodann symbolisch auch ein Päckchen Kreide übergeben – die Kreideaktion letzten Sommer habe ich für den Raum Rostock auch organisiert.

Im November haben Sie Ihren Brandbrief dann im Internet veröffentlicht. Weshalb?
Wir Therapeuten erfuhren auf Grund unserer Aktionen zwar einiges an Aufmerksamkeit. Gelöst aber war keines unserer Probleme. Mitnichten! Es ging mir darum, unsere Probleme im öffentlichen Bewusstsein zu halten.

Welches sind denn Ihre Probleme?
Wir können einfach unsere Patienten nicht mehr versorgen. Es gibt einfach zu viele Patienten für zu wenige Therapeuten. Angestellte findet man nicht. Was einen auch nicht verwundert, da es bei den momentanen Vergütungssätzen nicht möglich ist, ein faires Gehalt zu bezahlen. Ganz zu schweigen von den Hausbesuchen. Ich glaube, wir bekommen sowas wie sechs Euro irgendwas als Hausbesuchspauschale. Das rechnet sich nur, wenn der Patient gegenüber wohnt. Wir leben hier aber auf dem Land. Da wohnt der Patient schon mal 20 oder 25 Kilometer weit entfernt. Und da rede ich nicht von Autobahnkilometern, sondern von Landstraßen auf denen einem dann noch der Molli (Bimmelbahn, Anm. der Redaktion) vor der Nase rumfährt.

Sie könne es drehen und wenden wie Sie wollen. Am Ende geht’s immer darum, dass zu wenig Geld im Heilmittelsystem ist.

Wie waren denn die Reaktionen auf Ihren öffentlichen Brandbrief?
Ich hatte den Brief nachts um 23.00 Uhr ins Netz gestellt. Bereits am nächsten Tag brach mein Handy auf Grund der vielen Reaktionen zusammen. Und ich war auch kurz davor. Ich bin ja auch noch selbstständig und kam kaum hinterher. Diverse Magazine schickten mir Interviewanfragen und verschiedenste politische Parteien warben plötzlich um mich.

Wie zufrieden sind Sie denn nun mit der erzielten Öffentlichkeit?
Nun ja, sagen wir mal so. Mit den Reaktionen der Patienten bin ich sehr zufrieden. Viele fragen mich, wie sie mich unterstützen können. Ich sage dann allen abgewiesenen Patienten, sie sollen sich bitte bei ihrer Krankenkasse erkundigen, welche Praxis innerhalb der vorgeschriebenen 14 Tage ihnen einen Termin anbieten könne. Und ehrlich gesagt, würde ich mir wünschen, dass dies noch viel mehr unserer Kollegen so handhaben.

Haben Sie noch weitere Wünsche an Ihre Kollegen?
Ja, genau zwei.
Erstens engagiert Euch aktiv in einem Verband. Nehmt den Verband nicht einfach ausschließlich als Dienstleister in Anspruch. Und wenn Euch Euer Verband nicht gefällt, sucht Euch einen, der Euch entspricht. Ich für meinen Teil bin sehr froh, meine „verbandliche Heimat“ bei LOGO-Deutschland gefunden zu haben.
Zweitens: Es ist noch nichts erreicht. Kommt also alle zur großen Therapeuten-Demo am kommenden Samstag nach Leipzig. Und wer nicht kommen kann, sagt es zumindest weiter, sodass alle von der Demo erfahren. Das ist das Mindeste, was jeder Einzelne machen kann.

Und welche Wünsche haben Sie an die Verantwortlichen aus Politik, Krankenkassen und Verbände?
Ich wünsche mir einen Minutenpreis von 1,50 Euro. Einfach damit ich den Angestellten einen fairen Lohn zahlen kann und sie nicht abwandern müssen in andere Berufe. Außerdem werde ich bald 30 und wünschte mir, mir auch einmal eine Altersvorsorge aufbauen zu können. Dies war nämlich bisher noch gar nicht drin. Und zu guter Letzt könnte man dann auch wieder neue Hausbesuche annehmen, egal, ob Molly vor einem fährt oder nicht.

Frau Strahl, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Das Gespräch mit Frau Strahl führte Friedrich Merz von physio.de

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