November 2017 – Orthopäden und Unfallchirurgen fordern Stärkung konservativer Therapien

Im Vorfeld Ihrer Jahrestagung haben Orthopäden und Unfallchirurgen in einem Weißbuch zur nichtoperativen Behandlung gezeigt und bewertet, was die Daten und Fakten zu konservativen Methoden aussagen. Ihr Hauptfazit ist: Operationsalternativen müssen in allen Bereichen gestärkt werden.

Das Weißbuch bietet erstmals evidenzbasierte Erkenntnisse zur Evaluation der konservativen Therapien im Fachbereich. Die Autoren erklären in zehn Forderungen, wie man den Boden bereitet, um gute Behandlungskonzepte flächendeckend zur Verfügung zu stellen. Inhaltlich behandelt die Veröffentlichung gängige diagnostische Verfahren, das Spektrum therapeutischer Möglichkeiten und die interdisziplinäre Vernetzung, aber auch Fragen zur Prävention, Qualitätssicherung und Forschung.

Natürlich steht in einem von Ärzten verfassten Manuskript die ärztliche Behandlung im Vordergrund. So bewerten sie zuallererst die ärztlichen Hoheitsgebiete wie zum Beispiel Chiropraktik, medikamentöse Interventionen oder Stoßwellentherapie.

Aber die Autoren geben in ihrem Weißbuch der Physio- und Bewegungstherapie immerhin viel Raum und Bedeutung. Trotzdem wird betont, dass sich auch in Zukunft an dem ärztlichen Primat der Diagnose- und Indikationsstellung, ihrer Meinung nach, nichts ändern darf.

Bei den Therapieformen zeigt sich, dass manuelle Therapie bei Kopfschmerzen der Massage überlegen ist und die gleiche Wirksamkeit wie Medikamente aufweist. Auch bei Nackenschmerzen sei die manuelle Therapie in Verbindung mit einer Übungstherapie gegenüber der Placebogruppe deutlich überlegen, so die Autoren.

Besondere Anerkennung bekommt die Bewegungstherapie „aufgrund des hohen kurativen und gesundheitsfördernden Potentials“, beginnend mit speziellen physiotherapeutischen Techniken und arbeitsplatzorientiertem Training bis hin zur Rekreationstherapie. Die Bewegungstherapie sei inzwischen neben ärztlichen, edukativen und verhaltenstherapeutischen Komponenten fest in multi- und interdisziplinäre Behandlungsregime integriert. Bewegungsprogramme fördern nachweislich eine schnellere Rückkehr zur Arbeit und beeinflussen das chronische Schmerzempfinden positiv.

Die spezielle physiotherapeutische Behandlung führe zu einer teilhabeorientierten Steigerung der Leistungsfähigkeit des Gesamtorganismus und rege die Eigenverantwortung des Patienten an, da pädagogische und psychosoziale Ansätze während der Therapie sich auf das emotionale Erleben einer Krankheit auswirke.

„Durch nicht-operative Behandlungsmethoden können wir in vielen Fällen erfolgreich und risikoarm Schmerzen lindern, Beweglichkeit und Lebensqualität verbessern oder das Fortschreiten von Erkrankungen bremsen“, erkennt Dr. Matthias Psczolla, einer der Autoren des Weißbuches. Wenn die konservative Therapie aber nicht bald aufgewertet wird, befürchten die Experten einen baldigen Versorgungsnotstand, gerade im Hinblick auf den demographischen Wandel.

Auch die Diskussion um die steigende Zahl an Gelenkersatz- und Wirbelsäulenoperationen hat den Blick auf die Alternativen verdeckt. Am Beispiel aber der proximalen Oberarmfraktur hat sich gezeigt, dass gerade bei alten Menschen die konservative Therapie mindestens gleichwirksam ist wie die operative. „Und zwar dann, wenn bestimmte Fehlstellungen nicht überschritten sind.“, so Ingo Marzi von der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie in Frankfurt/Main.

Psczolla betont das bereits vorhandene Umdenken bei der Spinalstenose: „Hier ist man inzwischen zur Erkenntnis gekommen, dass die konservative Behandlung zumindest einen Aufschub gibt.“ Solange keine neurologischen Ausfälle auftreten, könne man bei Bandscheibenvorfällen präoperativ einen konservativen Versuch durchführen. „Wer eine gute Krankengymnastik hat, kann dann auf Spritzen verzichten.“

Auch Bernd Kladny, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie verlangt: „Patienten mit chronischen Rückenschmerzen sollte ein Team aus Orthopäden und Unfallchirurgen, Neurologen, Psychologen und Physiotherapeuten zur Verfügung stehen.“ Noch liegen gerade bei der manuellen Therapie nicht genügend Langzeitstudien vor. Das Problem erläutert Psczolla: „Die meisten konservativen Kliniken versorgen nur und forschen nicht!“

Er macht auch darauf aufmerksam, dass trotz der hohen Nachfrage nach nicht-operativer Therapien, die konservativen Inhalte von Orthopäden und Unfallchirurgen nicht mehr angemessen vermittelt und vergütet werden.

Welche Konsequenzen die Gesundheitslandschaft aus dieser Veröffentlichung zieht, wird die Zukunft nun zeigen. Aber auf alle Fälle kann das Weißbuch bei verschreibungsunwilligen Ärzten den Patienten und Physiotherapeuten argumentativ zur Seite stehen.

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