September 2019 – Gastbeitrag zum Thema „Sitzen“

Ein Gastbeitrag von Physio Meets Science (PMS)

Physio Meets Science (PMS) ist eine kleine Gruppe von wissenschaftlich begeisterten Therapeuten, die sich der ‚Übersetzung‘ von Wissenschaft in den therapeutischen Praxisalltag verschrieben haben.
Hierzu fassen sie aktuelle Veröffentlichungen übersichtlich und verständlich zusammen und bereiten sie für die klinische Praxis auf.
Sie verstehen sich als Vernetzungspunkt der evidenzbasierten Physio- und Trainingstherapie. Alle weiteren Informationen zur Arbeit von Physio Meets Science finden Sie hier.

Lesen Sie heute einen exklusiven Beitrag zum Thema Sitzen.

Sitzen ist eine der häufigsten Haltungen in der Arbeitswelt [1] und ist ein möglicher Risikofaktor für lumbale Bandscheibenpathologien [2]. Erhöhte Rumpfbelastungen führen zu einer reduzierten Bandscheibenhöhe und in Folge dessen auch zu einer verminderten spinalen Höhe. Anhaltende kompressive Lasten wurden in Studien benutzt, um degenerative Bandscheibenveränderung zu erzeugen [3].

Einige physiotherapeutische Gruppierungen empfehlen das aufrechte bzw. gerade Sitzen mit einem gewissen Grad an lumbaler Extension [4]. Jedoch gibt es nur wenig Evidenz, die eine Überlegenheit von diesen Sitzhaltungen gegenüber anderen Sitzhaltungen zeigt [5].

Pape et al (2018) untersuchten hierzu den „heilsamen“ Effekt auf die spinale Höhe nach einer Periode der Rumpfbelastung von zwei verschiedenen Sitzhaltungen:
a) „lümmelndes Sitzen ohne Unterstützung“ und
b) „lümmelndes Sitzen mit lumbaler Unterstützung“

Es wurden 34 junge, gesunde Probanden ausgewählt und zufällig den verschiedenen Sitzhaltungen nacheinander zu geordnet.

Der Versuchsaufbau sah folgendermaßen aus:
• Zunächst mussten die Probanden 10 Minuten auf dem Rücken liegen, um ihre spinale Höhe zu normalisieren. => anschließend Messung der spinalen Höhe mittels Stadiometrie [6] • Danach erfolgte die Belastungsphase mit jeweils 4,5kg auf beiden Schultern im geraden Sitz. => erneute Messung der spinale Höhe
• Weitere 5 Minuten des aufrechten Sitzens ohne Last folgten, um die spinale Höhe weiter zu reduzieren => Messung der spinalen Höhe
• Hernach wurde eine der lümmelnden Sitzhaltungen für 10 Minuten ausgeführt => Messung spinale Höhe
• Anschließend wiederholte sich das Prozedere für die Messung der „anderen lümmelnden Sitzhaltung“

Ergebnis der Studie war, dass es im Schnitt durch die lümmelnde Sitzposition mit bzw. ohne lumbale Unterstützung zu einer Höhenzunahme von 3,84 mm kommt, was für eine günstige Rehydratation der Bandscheiben nach einer Belastungsphase spricht. Im Gegensatz dazu zeigen einige Studien eine Reduktion der spinalen Höhe durch ein aufrechtes Sitzen [7].

Die „lümmelnden Sitzhaltungen“ mit oder ohne lumbale Unterstützung können somit benutzt werden, um die spinale Höhe – und in Folge dessen auch die lumbale Bandscheiben-Hydration – nach Belastung zu steigern. Des Weiteren besteht die Möglichkeit, das Wissen über die Effekte von verschiedenen Sitzhaltungen auf die Wiederherstellung/Verbesserung der Bandscheibenhydration bei schmerzfreien Mitmenschen einzusetzen. Eine gerade Sitzhaltung scheint dabei eher eine ungünstige Wirkung auf die spinale Höhe, respektive Bandscheibenhydration, zu haben.

Quellennachweis:
(1) Endo et al., 2012; Li and Haslegrave, 1999; Pynt et al., 2008
(2) Kelsey and White, 1980; Videman et al., 1990
(3) Guehring et al., 2006; Kroeber et al., 2002
(4) Mckenzie and May 2003; Winkel,1996
(5) O’Sullivan et al., 2012
(6) Stadiometrie ist ein Verfahren zur genauen Längenmessung eines Wirbelsäulenabschnittes. Über eine Veränderung der Längen kann man Rückschlüsse auf den Flüssigkeitsein- und – ausstrom (Re – und Dehydratation) der Bandscheiben ziehen.
(7) Eklund & Corlett 1984; Gerke et al 2011; Kourtis et al. 2004; Magnusson et al. 1990, 1994; Owens et al. 2009

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